Winterliche Stimmungen
 


 Weg am Winterstrand
(nach Lektüre von Anke Wolff)

Das Meer hat die Spuren des Sommers gelöscht
bald wird auch die Sonne vereisen
in der Januarnebelwand

setz deine Gedanken dort in den Kahn
von Fischern an den Strand geschoben
zum Winterschlaf

häng deine Gedanken
in das kahle Astwerk der Bäume
unter den Orgeltönen der rauhen See

erst auf dem Rückweg
hol sie dir wieder
sammel sie ein

Geläutert


Annemarie Schnitt
 






Als der Eisregen kam

floh ich unter ein Dach
schlug Feuer aus den Gedanken
mit warmer Stirn
zu trotzen der Kälte

Annemarie Schnitt


Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer soll bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken, dass diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen können?

Johann Wolfgang von Goethe




 

 

 

 

Trau den Spuren

draußen im Schnee
den allerersten
die dich hinausführen
über das Glück des Anfangs
in das Glück des Gelingens

Annemarie Schnitt



 

 

 

 

Schneetanz

wenn wintertags
der Schneetanz beginnt
nimmt er dich mit
ins weiße Vergessen
kopfüber taumelst du
mit den Flocken ins Nichts
dich neu aufzuspüren
unter dem Schnee

Annemarie Schnitt





Winterlied

Geduld, du kleine Knospe
Im lieben stillen Wald,
Es ist noch viel zu frostig,
Es ist noch viel zu bald.

Noch geh ich dich vorüber,
Doch merk ich mir den Platz,
Und kommt heran der Frühling,
So hol ich dich, mein Schatz.

August Graf von Platen


Nur wer ein Auge dafür hat, sieht etwas Schönes und Gutes in jedem Wetter, er findet Schnee, brennende Sonne, Sturm und ruhiges Wetter schön, hat alle Jahreszeiten gern und ist im Grunde damit zufrieden, dass die Dinge so sind wie sie sind.

Vincent van Gogh


Wenn dir die Kälte
den Winter
lang werden lässt

dann lehne dich
ganz entspannt
an die Heizung
und reise in Gedanken
in die Vergangenheit

nimm dir aus der Erinnerung
ein wenig von der Freude
die du im letzten Frühling
beim Erwachen der Natur
empfunden hast.


Engelbert Schinkel


Nur durch den Winter wird der Lenz errungen

Gottfried Keller

 

 


Im Winter
Betty Paoli (1814-1894)



Wiesengrund und Bergeshöh'
Liegen wie begraben,
Auf dem schimmernd weißen Schnee
Tummeln sich die Raben.

Mag die Sonne auch ihr Licht
Fernehin entsenden,
Es erquickt und wärmet nicht,
Kann nur schmerzlich blenden.

Dicht vor meinem Fenster steht
Eine schlanke Linde,
Mit Demanten übersä't
Stöhnet sie im Winde.

An die Scheiben pocht sie leis',
Leis' wie Glöckchen läuten;
Was sie sagen will, ich weiß
Mir es wohl zu deuten.

Arme Linde! Tag und Nacht
Scheinst du mir zu klagen:
»Dürft ich doch, statt todter Pracht,
Wieder Blüthen tragen!«